25 Jahre Elster Tourist

Ostthüringer Zeitung 12.Januar 2015

Gera. Sein erstes eigenes Büro sei von eher spartanischer Natur gewesen. Es habe lediglich aus einem Tisch und einer simplen Trennwand aus Pappe bestanden. An dieser klebten die Angebote. "Das war alles aus der Not heraus geboren", erinnert sich Hans-Peter Kaiser, der auf den Umstand verweist, dass es im Januar 1990 in Gera kaum Ladenlokale gab. Also quartierte er sich kurzerhand mit seinem Reisebüro im damaligen Konsument-Kaufhaus auf der Geraer Sorge ein.

Des Kaisers "Büro" befand sich direkt neben der Rolltreppe im zweiten Stock. Und an Resonanz hätte es damals nicht gemangelt. Im Gegenteil, kurz nach der Grenzöffnung gierten auch in der damaligen Bezirksstadt die Leute regelrecht darauf, gen Westen und sei es nur nach Hof, Bayreuth oder Nürnberg aufzubrechen.

Hans-Peter Kaiser besitzt ein Faible für die USA, doch in Alaska war er noch nie, auf dem Territorium im Norden steckt noch keine Nadel in seiner Weltkarte. Foto: Marcus Schulze

Hans-Peter Kaiser befriedigte jenes nun verstärkt auftretende Reisebedürfnis. Er organisierte Tagesausflüge, erst nach Bayern, später in die ganze Bundesrepublik. "Die Nachfrage war riesig. Das waren die Goldgräberjahre damals", sagt er rückblickend. Und er habe in jenen Tagen "keinen Knopp in der Tasche gehabt", alles ohne Smartphone und Internet gemanagt.

Heute nun, vor genau 25 Jahren, am 12. Januar 1990 eröffnete er sein mehr oder weniger erstes "provisorisches" Reisebüro, erhielt der damals 30-Jährige seinen Gewerbeschein. Damit war er einer der ersten Reisebürobetreiber in der noch bestehenden DDR. Elster-Tourist, so der Name. Aus Heimatverbundenheit entschied er sich für diesen. Natürlich erweiterte Kaiser beizeiten sein Sortiment, nahm neben den Busreisen, die nun auch Europa bedienten, auch die Klassiker wie Mallorca oder die Kanarischen Inseln mit auf. Flugreisen eben. Und er expandierte, neben dem Büro im Kaufhaus eröffnete er eine weitere Filiale in Lusan, später folgten noch Zeulenroda und Greiz.
Er hatte bis zu zehn Angestellte, doch nach elf Jahren verkaufte er an ein Busunternehmen in Greiz, behielt lediglich den Namen Elster-Tourist. Inhaltlich erfand er sich jedoch neu, bot nun von ihm speziell zusammengestellte Reisen an, die er als Reiseleiter begleitete. "Für viele meiner Kunden ist das eine Garantie, dass sie nicht über den Tisch gezogen werden, denn ich fahre da ja schließlich auch hin. Sie wollen mit jemanden reisen, den sie kennen. Das gibt ihnen Sicherheit", argumentiert Kaiser, der mit seinen Gruppen nach Südafrika, Jordanien, Israel, Australien und, und, und fährt. Und er hat nicht nur Kunden aus Gera, bei Weitem nicht, sondern aus Jena, Weimar oder Erfurt. Zudem habe er 2001 erkannt, dass sich der Reise-Markt ändert, plötzlich fielen die Provisionen für die Reisebüros seitens der Fluggesellschaften weg. Das Defizit sollten sie mit Aufschlägen ausgleichen. Die Methode machte Schule. Doch gleichzeitig etablierte sich das Internet. Stichwort: Preisvergleich.

Den Schritt, sich von seinen Filialen zu trennen, hat Kaiser bis heute nicht bereut, der so manch abenteuerliche Geschichte problemlos und pointiert aus dem Ärmel schütteln kann. Dann berichtet er von Erdbeben und Unwettern, ohne dabei zu dramatisieren, aber auch ohne Bagatellisierung. Beispielsweise Florida 2004. Gerade sei er mit seiner Gruppe angekommen, schon hätten sie evakuiert werden müssen, der Hurrikan nahte. "Und dennoch habe ich eine Reise organisiert, auch wenn ich gezwungen war, permanent zu improvisieren", sagt er mit vernehmbarem Stolz. Heute hat Kaiser nur noch ein Büro in der Schmelzhüttenstraße. Hier kommen seine Kunden hin und besprechen mit ihm die Reisen. Ein Schaufenster samt der altvertrauten Pappkameraden, die die standardisierte Sonnensehnsucht beschwören sollen, sucht man vergebens. Dafür besitzt er eine Weltkarte.
Zahllose Nadeln stecken in dieser, alles Orte, an denen er bereits war. Viele in Europa, eine Hand voll in Afrika und nicht wenige in Asien, eine stolze Anzahl in Australien und eine einzige Nadel blitzt bei Vancouver in Kanada auf. Etliche Exemplare stecken indes auf dem Territorium der USA.

Für diese hat er ein ganz besonderes Faible, war schon fast 80-mal dort, hat zudem ein Ferienhaus in Florida. Da macht er dann wirklich einmal Urlaub. An anderer Stelle im Büro steht die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika. "Die Unbefangenheit, die Easy-going-Mentalität gefällt mir, auch wenn dort natürlich alles auf Geld getrimmt ist", erklärt Kaiser seine Vorliebe für die USA. Und wie er so über das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sinniert, erklingt plötzlich aus Richtung Schreibtisch "The Star-Spangled Banner", die US-amerikanische Nationalhymne. Es ist der Klingelton seines Smartphones. Dass er in Gera landete, sei ein Zufall gewesen, erklärt der 1959 in Halle geborene Reiseunternehmer. Eigentlich wollte er Journalist werden, doch daraus wurde nichts. Und da er sich während der Ferienzeit in der HO etwas dazuverdiente, entschloss er sich, irgendetwas in diese Richtung später einmal zu machen. Kaiser studierte Binnenhandel in Merseburg und wurde laut eigener Aussage der jüngste Manager einer Kaufhalle in der DDR. Und zwar in Berlin. "Doch so richtig glücklich war ich damit nicht", erinnert er sich. Plötzlich fällt im Gespräch ein geradezu wunderschönes Wort: "Welthunger". Er, Kaiser, habe Welthunger entwickelt, Sehnsucht nach etwas Internationalität verspürt. Woher dieser rührte, beschreibt er wie folgt: "Es lag vielleicht daran, dass meine Mutter auf das Geld schauen musste, wir nicht sonderlich reisen konnten, das Höchste der Gefühle war Ungarn mit dem Trabbi, mal nach Bulgarien fliegen war undenkbar." Generell war das in der DDR ja so eine Sache mit der Internationalität, die Möglichkeiten waren begrenzt: Interflug, Matrose, Außenhandel und eben Reisebüro. Er entschied sich für Letzteres. Reisebüros hätte es in der DDR, Kaiser überlegt kurz, um die 175 gegeben. Im Bezirk Gera waren es vier: Gera, Jena, Schleiz, Saalfeld. Kaiser bewarb sich, erhielt eine Zusage für Gera, zog 1983 an die Elster und arbeitete in dem Büro am Platz der Republik. Tage nach dem Mauerfall organisierte er kurzerhand die ersten Reisen gen gelobtes Land. Ohne Genehmigung von oben und mit den berüchtigten Ikarus-Bussen. "Mein Leben spielt in der Welt, doch Gera ist mein Heimathafen", resümiert Kaiser. Bald wird er besagten Hafen wieder verlassen, die nächste Reise steht an. Nach Südafrika.
Marcus Schulze / 12.01.15 / OTZ
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